07.11.2008
Für sein soeben in Deutschland erschienenes Buch "McMafia" ist der britische Journalist Misha Glenny jahrelang durch die Welt gereist, um die Zusammenhänge im weltweiten Netz des organisierten Verbrechens zu erforschen. Sein Fazit: den Mafiosi dieser Welt geht es besser denn je, und die internationale Politik versagt kläglich im Kampf gegen das organisierte Verbrechen. Im Interview mit Cicero Online erklärt Misha Glenny, warum der Balkan eine Schlüsselrolle in der "Schatten-Weltwirtschaft" spielt, wie Putin Russland gerettet hat - und was die Politik gegen die Macht der Drogenkartelle tun könnte.
Herr Glenny, wie sind Sie darauf gekommen, ein Buch über organisiertes Verbrechen zu schreiben?
Ich war zur Zeit der Unabhängigkeitskriege in den Balkanstaaten als Auslandskorrespondent der BBC unterwegs. Nach dem Fall des eisernen Vorhangs war das organisierte Verbrechen dort überall - man hat es kaum mehr bemerkt. Schon inmitten des Kriegs habe ich begonnen, mich für die Sache zu interessieren, weil es so viele Morde gab, die offensichtlich nicht nationalistisch motiviert waren: Es handelte sich nicht um Serben gegen Kroaten oder Kroaten gegen Albaner, sondern um Serben gegen Serben, Kroaten gegen Kroaten. Nach dem Tod von Zoran Djindjic, den ich gut gekannt habe, habe ich begonnen, nachzuforschen. Und diese Nachforschungen haben meine Perspektive total verändert. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass der Krieg in Kroatien, Bosnien und Albanien nichts oder nur sehr wenig mit Nationalismus zu tun gehabt hat. Das war nur eine Tarnung. Im Grunde entsprang der ganze Krieg der Bemühung etlicher, teilweise multinationaler Gruppierungen, so viel Geld und so viele Ressourcen wie möglich unter ihre Kontrolle zu bringen.
Warum spielt der Balkan eine so große Rolle für die weltweite "Schattenweltwirtschaft", deren Verstrickungen Sie in "McMafia" beschreiben?
Der Balkan ist so wichtig, weil er von Anfang an als Transitland für illegale Waren und Güter aus aller Welt gedient hat, die auf dem Weg nach Europa sind. Alle Verbrecher – ob aus Afghanistan, ob aus Kolumbien, oder aus Russland, wo das Kaviar und die Frauen herkommen – wollen ihre Ware in die europäische Union transportieren, denn da ist der Markt. Da hat man dieses perfekte Zusammenspiel zwischen einer gesetzlosen Gegend – von Slowenien bis Kiew – auf der einen Seite und einer gierigen Gesellschaft auf der anderen Seite, die bereit ist, unglaublich viel Geld auszugeben für die Waren, die aus dieser gesetzlosen Gegend kommen. Das ist ein wichtiger Teil unserer Geschichte der letzten 20 Jahre, der nie eingehend studiert wurde.
Haben Sie "McMafia" geschrieben, um die Überflussgesellschaft zu missionieren?
Nein, ich will lediglich ein Bewusstsein dafür schaffen, dass das organisierte Verbrechen unsere Gesellschaft nicht so unterminieren würde, wenn wir nicht so dankbare Abnehmer wären. Auch wir sind teilweise verantwortlich dafür, dass das organisierte Verbrechen seit Jahrzehnten so erfolgreich ist. Wenn die Bevölkerung von Mailand nicht soviel Kokain konsumieren würde, dann wären die kolumbianischen Drogenkartelle nicht so reich.
Die Mafia-Strukturen haben sich nach dem Fall es Eisernen Vorhangs der weltpolitischen Lage angepasst...
Interessanterweise hat sich die sizilianische Mafia selbst zerstört, weil die "Ur-Mafiosi" nicht verstanden haben, wie sich die Welt nach dem Bruch mit dem Kommunismus verändert hat. Weil die klassische Mafia ihre strikten familienhierarchischen Strukturen behalten hat, ist sie nicht flexibel genug, auf die veränderten Verhältnisse in der Welt angemessen zu reagieren. Heute geht es um Geld, nicht um Familienverbindungen. Die neuen, erfolgreichen Mafias bestehen größtenteils aus kleineren Zellen, die nur lockere Beziehungen zueinander haben. Wenn also ein führender Kopf verhaftet wird, bedeutet das nicht, dass die ganze Sache auseinander fällt.
Ruiniert das organisierte Verbrechen nationale Wirtschaften?
Nicht unbedingt. Wenn das organisierte Verbrechen den Staat schon kontrolliert, wie zum Beispiel in Nigeria, dann ist es für internationale Konzerne einfach, zu investieren, weil man sich schnell arrangieren kann. Man weiß, mit wem man reden muss. Es gibt aber auch Länder, wo das nicht so klar ist, wie zum Beispiel in Russland. Vor Putin war Russland ein total kriminalisierter Staat. Die 90er Jahre waren für die meisten Russen eine Katastrophe. Die Lebenserwartung ist stark gesunken, alles war unsicher. Putin hat die Situation verstanden und ausgenutzt. Er hat gesehen, dass die Russen einen starken Staat haben wollten. Er hat solch einen starken Staat aufgebaut und gleichzeitig die kriminelle Unterwelt integriert. Die gibt es also immer noch, aber sie wird jetzt kontrolliert. Unternehmen aus dem Westen haben jetzt aber das Problem, dass sie nicht wissen, ob ihr jeweiliger Verhandlungspartner die Unterstützung vom Staat hat oder nicht. Mittlerweile gibt es eine ganze Armada von Firmen im Westen, die sich darauf spezialisieren, herauszufinden, wo es sich lohnt, zu investieren.
Sie finden also, Putin hat das Beste aus der Situation gemacht?
Was Putin richtig erkannt hat, ist, dass Russland keine Militärmacht mehr sein kann. Er hat also die außenpolitische Strategie geändert. Er benutzt nun Russlands Energiereserven, um die internationale Position seines Landes zu stärken. Andere Sektoren der Wirtschaft baut er nicht auf. Das ist eine Risiko-Strategie, die ich für kurzsichtig halte: denn sobald der Ölpreis sinkt, werden die Schwächen der russischen Wirtschaft und Industrie deutlich, und dann kommt der Krach für Putin.
Sie beraten europäische Regierungen, wie sie das organisierte Verbrechen auf politischem Weg bekämpfen können. Sind den Politikern Ihre Enthüllungen wirklich neu?
Ja, die finden das alles sehr interessant. In dem Buch lege ich ja alle Verbindungen, die es schon länger gibt, die man aber nicht registriert hat, offen. Die meisten Politiker haben nicht die Zeit oder die Kraft oder die intellektuelle Fähigkeit, dasselbe zu machen. Die sehen nur, was passiert, wenn eine Razzia in einem Bordell gemacht wird: Da sind Frauen aus dem gesamten Ostblock, doch die Politiker wissen nicht, wie und warum diese Frauen dort sind.
Nicht nur bei Politikern umstritten dürfte Ihre Empfehlung sein, Drogen zu legalisieren, um den Dealer-Kartellen die Macht aus der Hand zu nehmen...
Ich stehe dazu! Denn der unselige "war on drugs", den Washington betreibt, richtet nur Schaden an – im eigenen Land, aber auch global. Indirekt subventioniert er den Terrorismus: weil Heroin illegal und deswegen teuer ist, kann die Taliban Waffen kaufen wie nie zuvor. Sie erhebt auf jede Drogen-Transaktion in Afghanistan eine Steuer, und mit diesem Geld kämpfen die Terror-Gruppen erfolgreich gegen die NATO. Wegen des "war on drugs" stehen wir in Afghanistan im Mist.
Wie wird Ihre Empfehlung von der Politik aufgenommen?
Ich habe mit vielen Politikern und hohen Polizeifunktionären über diese Frage gesprochen. Es ist den meisten klar, dass schon seit längerem eine völlig falsche Strategie verfolgt wird, doch keiner will das öffentlich sagen. Denn das wäre politischer Selbstmord. Aus diesem Grund glaube ich auch nicht, dass sich in nächster Zeit etwas ändern wird – zumindest nicht von Amerika aus.
Wenn Europa – vielleicht im Verbund mit Kanada – "mit gutem Beispiel voranginge", könnte das die USA zu einem Kurswechsel bewegen?
Möglicherweise. Wenn Kanada und die EU sich zusammentun würden, um eine "Schadensbegrenzungs-Politik" zu verfolgen, dann könnten die USA ein Problem bekommen. Doch abgesehen davon deutet sich schon seit längerem an, dass die Produktion von Rauschgift sich allmählich von Afghanistan und Kolumbien ins Herz von Westeuropa und Amerika verschiebt, weil immer mehr synthetisches Rauschgift konsumiert wird. Das wird zwangsläufig zu einer Änderung der Politik führen müssen: denn irgendwann wird es so viele "hausgemachte Drogen" geben, dass der Staat gezwungen sein wird, diese Industrie zu übernehmen. Ich schätze, in 35 Jahren wird es soweit sein.
Wie sollte die Politik bei der Legalisierung von Drogen vorgehen, um den Schaden für die Bevölkerung möglichst gering zu halten?
Was man zuerst machen sollte, ist: Cannabis legalisieren, denn es verursacht in unserer Gesellschaft viel weniger Schaden als Alkohol. Wenn die westliche Zivilisation nach fünf Jahren noch nicht zusammengebrochen ist, dann reden wir über Kokain.
Herr Glenny, vielen Dank für das Gespräch.
Quelle: Cicero