Frankfurt, 20.06.2008
Joachim Prochnow muss nicht lange überlegen, wenn man ihn fragt, was aus ihm ohne die Frankfurter Drogenhilfeeinrichtung «Eastside» geworden wäre: «Ich wäre zurück auf den Hamburger Kiez und hätte da wieder gedealt.» Ob er überhaupt noch am Leben wäre, weiß der 52 Jahre alte gelernte Maschinenschlosser natürlich nicht, kann aber recht zufrieden auf sein jetziges Leben schauen: Eigene Wohnung, Partnerin, jeden Tag die Ersatzdroge Methadon und einen festen Job als Hausmeister in eben diesem Eastside - Europas größter niedrigschwelliger Drogenhilfeeinrichtung.
Für rund drei Millionen Euro hat die Stadt Frankfurt das ehemalige Fabrikgebäude im industriell geprägten Ostend sanieren lassen und damit dem Trägerverein Integrative Drogenhilfe (idh) im Grunde eine langfristige Garantie für den weiteren Betrieb gegeben. Die Einrichtung habe in den 16 Jahren seines Bestehens eine Erfolgsgeschichte absolviert und diene als Vorbild für viele Städte, sagte Frankfurts Gesundheitsdezernentin Manuela Rottmann (Grüne) am Freitag. «Das Eastside hat viele Lücken gefüllt.» Junkies bekommen hier seit 16 Jahren ein Bett, konkrete soziale und medizinische Hilfe und in vielen Fällen sogar eine Arbeitsmöglichkeit in den Werkstätten oder der Wäscherei.
Die Anfänge der Einrichtung gehen zurück auf die Geburtsstunde des nahezu von allen politischen Akteuren Frankfurts getragenen Konsenses in der Drogenpolitik. 1992 hatte man sich unter Oberbürgermeister Andreas von Schoeler (SPD) darauf verständigt, die offene Drogenszene im Schatten der Bankentürme nicht länger zu dulden. In der so genannten Montagsrunde wurde begleitend durchgesetzt, dass es einen anderen Ort und Hilfe für die nach hunderten zählenden Junkies geben müsse. Ausgerechnet Vertreter der Polizei brachten die Gebäude am Osthafen ins Gespräch, die sie noch als Kaserne für die Bereitschaftspolizisten aus den Zeiten der Startbahnproteste kannten.
Mit über sieben Kilometer Entfernung zum Hauptbahnhof erfüllte die alte Fabrik die wichtige Anforderung des gebührenden Abstands zur City. Noch heute fahren zwei Sozialarbeiter des Eastside jeden Tag mit einem VW-Bus zum Bahnhof, um ihre Leute hin und her zu bringen. Auch die Straßenbahnlinie 11 ins Ostend wurde im Volksmund schnell zum «Junkie-Express». Die Szene befindet sich nach wie vor am Bahnhof, wie auch viele andere Hilfsangebote und Konsumräume. Dass sich die Süchtigen von Anfang an dennoch auf den langen Weg in den Osten der Stadt gemacht haben, ist auf den Polizeidruck und auf die Arbeit des Vereins Integrative Drogenhilfe (idh) sowie der Malteser- Ärzte zurückzuführen.
Den Drogenkonsum erst einmal zu akzeptieren, war damals wenig verbreitet, sagt der Eastside-Arzt Michael Schmidt. Der erste Mediziner, der den Junkies im Eastside die Ersatzdroge Methadon verschrieb, kam folglich aus den Niederlanden. Die Sozialarbeiter definierten augenzwinkernd die Duschen als Intimbereich der Junkies, so dass es für diese kein Problem war, sich dort ihre Spritzen zu setzen. Nach einem juristischen Gutachten der Staatsanwaltschaft Frankfurt ging diese illegale Praxis 1994 über in den ersten offiziellen Konsumraum Deutschlands. Abschreckende Elendsszenen wie am Züricher Bahnhof Letten gab es im Frankfurter Osten nie.
Die angehende Sozialarbeiterin Katja Kollinger gibt im immer noch bestehenden Konsumraum Spritzen an die Süchtigen aus. Wenn schlechter Stoff in der Stadt ist, muss sie manchmal medizinische Nothilfe leisten. Doch meistens sei es sehr ruhig, sagt die 29-Jährige. «Die Klienten sind hier ausgeglichen, weil sie keinen Stress haben.» Ärger gebe es gelegentlich draußen, wenn auch viel Alkohol im Spiel ist.
Mindestens ein Viertel der Junkies hat auch ein massives Alkoholproblem, sagt der Malteser-Arzt Schmidt. Es gebe keinen mehr, der sich allein auf Heroin beschränke. Überhaupt werde der körperliche Zustand der Süchtigen desolater: Mehr als 90 Prozent tragen den Hepatitis C-Virus in sich, der unbehandelt die Leber lebensbedrohlich angreift. Etwa jeder siebte ist HIV-positiv, weitere Erkrankungen und schwerste psychische Probleme kommen hinzu. «Wir müssen für jeden Einzelnen das für ihn Machbare tun», sagt der Einrichtungsleiter Michael Tuchert. Das kann manchmal ganz schön wenig sein.
Quelle: DPA