Bonn, 24.10.2008
Das Alkoholverbot und die verstärkte Sozialarbeit zeigen Wirkung im Bonner Loch: Die Zahl der Drogen- und Alkoholkonsumenten vor dem Hauptbahnhof hat sich drastisch verringert; stattdessen verzeichnen die Anlaufstellen von Caritas und Verein für Gefährdetenhilfe (VfG) - die City-Station am Alten Friedhof und das Kontaktcafé in der Quantiusstraße - großen Zulauf.
Szenegänger aus der Region hielten sich nicht mehr so lange in Bonn auf wie früher, sagte Sozialdezernentin Angelika Maria Wahrheit im Gespräch mit dem GA.
"Insgesamt hat sich das Erscheinungsbild am Hauptbahnhof verbessert" - mit Ausnahme der Nahtstelle zwischen Zentralem Omnibusbahnhof und Rampe hinunter zur U-Bahn, so Wahrheit zu den Ergebnissen nach der dreimonatigen Testphase, die mit Inkrafttreten des Verbots Anfang Juli begann (der GA berichtete) und nun von der Projektgruppe "Bonner Wege aus dem Bonner Loch" ausgewertet wurde.
Ein weiteres positives Ergebnis: Die Befürchtung, dass sich an anderen Stellen größere Gruppen der offenen Drogen- und Alkoholszene bilden könnten, hätten sich nicht bewahrheitet, sagte Wahrheit.
Allerdings hat sich die Dealerszene auf der Suche nach Kunden nun über die Innenstadt zerstreut, was laut Polizei die Verfolgung von Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz erschwert. Weiterer Wermutstropfen: "An der Rampe zwischen Busbahnhof und Bonner Loch gibt es mittlerweile eine Gruppe von bis zu 60 Männern und Frauen, bei denen die Kontaktaufnahme schwierig ist", sagte Wahrheit.
Es handele sich bei dieser Gruppe wohl vor allem um Patienten von Methadon-Praxen, die auch aus der Region nach Bonn kommen. Und das sind laut Wahrheit im bundesweiten Vergleich überdurchschnittlich viele: "1 500 Substituierte werden in Bonn behandelt." Die Gruppe am Busbahnhof falle durch zum Teil erheblichen Alkoholkonsum, durch soziale Verelendung und körperlichen Verfall auf.
Dieser Gruppe wollen sich Wohlfahrtsverbände, Polizei und Stadt in den nächsten Monaten besonders widmen: Denn laut Wahrheit brauchen diese Männer und Frauen nicht nur Hilfe und Schutz, weil sie nicht selten auch im wahrsten Sinne des Wortes auf der Straße und besonders in dem Taxi-Wendehammer gegenüber dem Hotel Continental liegen.
Sie gelten auch als zum Teil aggressiv gegenüber Polizisten, Ordnungsamtsmitarbeitern und Streetworkern, die mit ihnen ins Gespräch kommen wollen. Auch den Taxifahrern, die zum Teil in dem Wendehammer aufgrund der Belagerung Probleme haben herumzufahren, wolle man die besondere Situation erklären.
Ausgeweitet wird die Zone des Alkoholkonsumverbots wegen dieses neuen Szenetreffs jedoch wohl nicht, so Wahrheit. Das Problem wolle man mit Polizei, Streetworkern und eventuellen kleinen baulichen Veränderungen in den Griff bekommen.
Wie sehr diejenigen, die sich bereitwillig an das Alkoholverbot halten, die umliegenden Anlaufstellen der sozialen Helfer in Anspruch nehmen, belegen unter anderem Zahlen der City-Station, wo Hilfsbedürftige unter anderem warme Mahlzeiten und weiterführende Hilfen erhalten: "Im April - also vor dem Alkoholverbot - wurden pro Tag durchschnittlich 58 Mahlzeiten verkauft; seitdem stiegen die Zahlen an auf 96 im September", sagte Wahrheit.
Den beteiligten Akteuren im Bonner Loch war bewusst, dass das Alkoholkonsumverbot nur Sinn macht mit einer flankierenden Sozialarbeit, so Wahrheit. Auf politischen Beschluss hin hat die Stadt zunächst für zwei Jahre diese Arbeit bei VfG und Caritas personell aufgestockt - die Kosten dafür betragen 160 000 Euro pro Jahr.
Wahrheit sagte, dass die Träger ihre Angebote nicht nur ausgebaut, sondern sich untereinander auch besser vernetzt hätten.
An dem Versuch, die Probleme im Bonner Loch mit dem Alkoholverbot und flankierender Sozialarbeit in den Griff zu kriegen, sind zahlreiche Akteure der Projektgruppe "Bonner Wege aus dem Bonner Loch" beteiligt: so unter anderem die Aids-Initiative, Caritas, Diakonie, VfG, die Citywache GABI von Polizei und städtischem Ordnungsamt sowie weitere Ämter der Stadt und die Rheinischen Kliniken. Sozialdezernentin Wahrheit leitet die Projektgruppe.
*****************************************************************Es geht also doch: Dank des Alkoholkonsumverbots und flankierender Sozialarbeit ist das Bonner Loch nach vielen Jahren endlich kein Treffpunkt der offenen Drogen- und Alkoholszene mehr. Die schon reflexhaft geäußerten Befürchtungen von Polizei und Sozialarbeitern, mit einem Konsumverbot würde sich die Szene unübersichtlich zerstreuen, haben sich nicht bewahrheitet.
Eher das Gegenteil ist der Fall: Die großen Zuläufe bei Caritas und Verein für Gefährdetenhilfe belegen, dass der erhöhte Druck auf die Szene positive Wirkung zeigt. Und die kleinen Gruppen, die sich jetzt noch ab und zu in der Stadt bilden, sind für die Sozialarbeiter dank der überschaubaren City relativ leicht zu finden.
Dass sich der Aufenthalt im Bonner Loch für die Passanten und Händler angenehmer gestaltet als all die Jahre zuvor, ist die eine positive Nachricht. Die andere ist, dass man die Hilfebedürftigen nicht länger im doppelten Wortsinn im Loch hängen lässt, sondern sie dorthin führt, wo sie Hilfe bekommen und Auswege aus ihrer jahrelangen Misere finden können.
Als endgültig gelöst wird man das Problem am Hauptbahnhof jedoch nicht betrachten können. Zum einen steht der Winter bevor und erst dann wird sich zeigen, ob alle, die ein warmes Plätzchen brauchen, auch ein solches finden. Zum anderen gibt es nun am Busbahnhof einen harten Kern von Drogenabhängigen, die Bonner Substitutionspraxen besuchen. Sie fallen weiterhin negativ auf - auch durch exzessiven Alkoholkonsum.
Wie man dieser Gruppe helfen kann, darüber ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Dass es auch hier der Sozialarbeit bedarf, ist klar. Es sollte aber auch ausprobiert werden, parallel dazu durch eine Ausweitung der Alkoholverbotszone oder durch Platzverweise den Druck zu erhöhen, entsprechende Hilfsangebote
Quelle: Generalanzeiger