Das JES-Journal

Global Marihuana March in Frankfurt/M. 2010

Frankfurt/M., 09.05.2010

Die Veranstaltung, die von der Hanfinitiative veranstaltet wurde und an der die Grüne Hilfe e.V. (eine Rechtshilfeorgansisation für Hanffreunde), die Landesarbeitsgemeinschaft Drogen der Linken und jes-Frankfurt (seit 2009 als Kooperationspartner) teilnehmen, begann um 15:00 Uhr und fand in diesem Jahr an der Hauptwache statt.

Da ich leider nur allein für jes teilnehmen konnte, Gloria musste arbeiten und Beccy und Markus waren bei der Antinazidemo in Wiesbaden, konnte ich auch nur eines unserer mittlerweile vielen Transparente mitnehmen. Markus hatte mich aber noch ausreichend mit neuen Infomaterialien von jes versorgt, die auch reißenden Absatz fanden. Auch das jes-Legalisierungs-Positionspapier von 2003 konnte ich etwa 100-mal unter das Volk bringen. Die meisten Reaktionen auf unsere Legalisierungsvorschläge waren positiv. Sogar ein amerikanischer Geschäftsmann mit Bürstenhaarschnitt bekundete uns im Zuge einer Diskussion mit Jo Biermanski von der Grünen Hilfe e.V. und mir seine ausdrückliche Anerkennung für unsere Ideen und unser Engagement.

Um 15:30 Uhr eröffnete Michael Ohlschläger von den Linken als Moderator den Ansprachenkanon. Zunächst sprach Ulrich Wilken, Fraktionsvorsitzender der Linken im Hessischen Landtag. Er kündigte an, dass die Legalisierung von Cannabis auch weiterhin von den Linken im Landtag und in den Gremien der Partei mit Nachdruck thematisiert werden solle. Außerdem erklärte er seine Solidarität mit den Demonstranten, die zeitgleich in Wiesbaden versuchten einen Naziaufmarsch zu verhindern.

Danach ergriff Jochen Löblein für die Partei "die Piraten" das Wort. Er erklärte, dass die Piraten in Hessen zwar noch keinen Parteibeschluss zu ihrer Drogenpolitik verabschiedet hätten, dass aber eine Entschließung zur Legalisierung von Hanf beim Parteitag im Juli zu erwarten sei. Es gäbe innerhalb der Piraten allerdings eine Mehrheit, welche die Legalisierung von Cannabis über den Umweg der medizinischen Verwendung von THC erreichen möchte. Eine große Minderheit der Piraten in Hessen von etwa 40% der Mitglieder geht allerdings einen Schritt, bzw. mehrere Schritte weiter und fordert die sofortige Legalisierung aller illegalisierten Drogen. Er allerdings gehöre zu der Gruppe, welche die Mehrheit stellt und bevorzuge erstmal die Legalisierung und Abgabe von Medizinalhanf.

Im Anschluss daran hielt ich eine kurze aber hoffentlich kämpferische Rede für jes-Frankfurt. (s.u.)

Abschließend sprach dann der unnachahmliche Jo Biermanski von der Grünen Hilfe. Ich kenne kaum jemanden, der so perfekt und konsequent die freie Rede praktiziert, ohne aus dem Konzept zu kommen und gleichzeitig mit Witz und Wahrheit die Leute in den Bann zu ziehen versteht. Er berichtete von dem Ersatzstrafrecht der Verkehrsbehörden, die vehement und gnadenlos versuchen DrogengebraucherInnen - zusätzlich zum bewährten Strafrecht - das Leben schwer zu machen, indem man ihnen die Fahrerlaubnis entzieht. Nur bei konsequentem Abschwören, zu Kreuze Kriechen bei der MPU und entsprechendem physischen Nachweis, wie Haaranalysen etc.,besteht dann eine geringe Chance auf Wiedererlangen des Führerscheins .

In meinem Gedächtnis ist auch die traurige Anekdote von Jo hängen geblieben, die er am Ende seiner Ansprache erzählte. Anfang der 80’er Jahre des letzten Jahrhunderts wäre ein lieber Freund und Mitbewohner seiner damaligen Landkommune unter die Räder der BtmG gekommen. Man hatte ihn wegen des illegalen Anbaus von Cannabis verurteilt und in den Knast gesteckt. Als er nach zwei Jahren wieder raus kam, war er nicht mehr vorrangig Cannabiskonsument, sondern reihte sich in die dramatisch ansteigende Zahl der Junkies ein. Und trotz aller Unterstützung durch seine Freunde, war er damals bald nicht mehr tragbar für die Kommune, musste ausziehen und stürzte richtig ab. So konnte/kann es kommen, wenn man wegen Cannabis im Knast landet, war die Quintessenz von Jo, getreu dem Motto: Als Kiffer kam ich, als Junkie geh ich. Toll!

Um 17:00 Uhr setzte sich dann ein Demonstrationszug von etwa 50 Personen unter lautem Skandieren von „BtmG? NEE!“ oder „Gebt das Hanf frei“ etc., durch die Innenstadt vorbei am altehrwürdigen Römer zum Mainufer,in Bewegung. Eskortiert wurden wir dabei von drei grünen Motorrädern und einer "Wanne" der Polizei, die uns natürlich zusätzlich große Aufmerksamkeit verschafften.

Am Main wurde der GMM dann bei strahlendem Sonnenschein, in den 60er Jahren nannte man so ein Meeting wohl „Smoke in“, gemeinsam beendet. Als ich um 19:00 Uhr nach Hause bin, um noch mitzubekommen, welcher Verein denn nun aus der 1. Bundesliga absteigen muss, saßen noch etwa 20 Gleichgesinnte am Fluss und hatten eine Menge Spaß.

Wie sang schon Peter Tosh von den Wailers in den 1970’ern: Legalize it, don’t critizise it!“

Soweit mein kurzer Bericht vom Global Marihuana March in Frankfurt am Main 2010.

Text: Christian Holl

Hier die Fotos der Veranstaltung


Die Rede von Christian Holl, JES FFM

Sehr geehrte Zuhörer, liebe Freunde, liebe Drogengebraucherinnen und Drogengebraucher,
Bevor ich anfange, möchte ich meine Solidarität mit den Demonstranten in Wiesbaden bekunden, die versuchen die Nazis aufzuhalten. Keinen Fußbreit den Faschisten!

Ich spreche heute hier als Drogengebraucher, der durch die unsägliche Drogenprohibition gleich mehrmals betroffen ist. Deshalb möchte ich gleich vorweg an die Solidarität aller KonsumentInnen von illegalisierten Substanzen apellieren und den Wunsch äußern, sich nicht gegenseitig argwöhnisch zu beäugen. Ich spiele damit auf die bescheidenen Fortschritte der letzten 15 Jahre für Opiatabhängige an, während sich gleichzeitig die Drogenpolitik für HanfkonsumentInnen in meinen Augen eher verschlechtert hat. Umso wichtiger ist es meiner Meinung nach sich nicht auseinanderdividieren zu lassen. Das spielt nur den Gegner einer liberaleren Drogenpolitik und den genussfeindlichen Abstinenzverfechtern in die Hände.

Bis heute sind in Frankfurt offiziell bereits wieder elf Menschen Opfer dieser menschenverachtenden Prohibition geworden. Wie viele Menschen müssen den noch krepieren bis die bornierten Politiker endlich checken, dass ihre Drogenpolitik gescheitert ist. Seit 1970, als die Hexenjagd und Verteufelung von Hasch rauchenden jungen Menschen begann, sind mehr als 35.000 Menschen wegen des BtmG verstorben. Sie sind nicht gestorben, weil der Konsum von Heroin oder anderen Drogen unweigerlich zum Tod führt, sondern weil der Konsum von Heroin unter den gegebenen Verhältnissen und Rahmenbedingungen, wie Kriminalisierung, Stigmatisierung, Ausgrenzung, Knast etc. die Chance zu sterben um ein vielfaches erhöht hat

jes-Frankfurt schlägt deshalb vor, den Umgang mit Drogen nicht länger durch das Strafrecht zu regeln, sondern wie bei den legalen Drogen Alkohol und Tabak auch, mit dem Genussmittelgesetz zu begegnen. Wir haben deshalb in unserem bundesweiten Dogenselbsthilfenetzwerk jes bereits 2003 ein Neun-Punkte-Positionspapier verfasst, in dem wir unsere Vorstellung für einen verantwortungsvollen Umgang mit Drogen dargelegt haben. Das Positionspapier liegt an unserem Stand aus.

Da ich trotz dieser, von mir herbeigesehnten Utopie ein Realist bin, möchte ich aber sagen, dass die Politik auch unmittelbar die Verantwortung für etliche tote DrogengebraucherInnen trägt, weil sie sich beharrlich weigert wenigstens Drugcheckingangebote zu schaffen, wo sich der Konsument über den Reinheits-, bzw. Verunreinigungsgehalt seiner mitgebrachten Drogen informieren kann. Sicher können sich noch viele an die impertinente Ignoranz der abgelösten Drogenbeauftragten Bätzing erinnern, als es darum ging auf das bleiverunreinigte Cannabis zu reagieren, dass zu vielfachen Bleivergiftungen bei Hanffreunden geführt hat. Ihr Tipp damals war sinngemäß: Der beste Schutz vor Bleivergiftungen sei die Abstinenz. Was für eine zynische Aussage. Ähnlich verhält es sich mit dem im Umlauf befindlichem mit Milzbrand verunreinigtem Heroin. Auch hier wird mit der gleichen Ignoranz reagiert, getreu dem Motto: Es sind ja nur Junkies, die an Milzbrand sterben - und die sind ja selbst Schuld. Wer aufhören will, der schafft das auch. Und wenn nicht, Pech gehabt.Mittlerweile ist das mit Milzbranderregern verseuchte Heroin europaweit nachgewiesen worden und es gab auch schon einige Heroin-Todesfälle in Europa, zwei davon in Deutschland, die auf Milzbrand zurückzuführen sind.

So, zum Schluss möchte ich alle Anwesenden einladen sich am 21. Juli 2010, am nationalen Gedenktag für verstorbene DrogengebraucherInnen am Kaisersack gegenüber vom HBF einzufinden. Dort wird von der Grünen Hilfe,der Linken und von jes-Frankfurt tagsüber an einem Infostand über Drogenpolitik und Drogenhilfe informiert. Abschließend findet dann um 17:00 Uhr ein Trauer & Protestmarsch zur Taunusanlage statt, an dem sich hoffentlich auch viele von Euch beteiligen werden.

Vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit.

Text: Christiian Holl

Hier die Fotos der Veranstaltung