Mannheim, 20.04.2011
Kopfschütteln und Verärgerung - das sind die Reaktionen von Suchtexperten auf die von einigen Parteien geforderte Verlegung der Methadon-Praxis in D 7. CDU und Mannheimer Liste hatten sich dafür ausgesprochen, die von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) betriebene Einrichtung in weniger belebte Bereiche der Stadt zu verlegen. Der Grund: In unmittelbarer Nähe der Praxis, direkt vor dem Rathaus, hat sich seit einiger Zeit ein Treffpunkt von Drogenabhängigen und Trinkern gebildet - Passanten fühlen sich von ihnen belästigt, die Inhaber angrenzender Geschäfte fürchten Umsatzeinbußen.
Die Debatte sorgt mittlerweile auch über Mannheim hinaus für Aufmerksamkeit. "Die Praxis stellt gemeinsam mit ähnlichen Einrichtungen in Baden-Württemberg ein bundesweit einmaliges Modellprojekt dar, das eine sehr wirksame Therapie für suchtkranke Menschen anbietet", erklärt Heino Stöver. Er ist Professor für Suchtforschung in Frankfurt und Vorsitzender von "akzept", dem "Bundesverband für akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik". Eine Schließung der Praxis führe genau zu der Situation, die 1996 der Grund für ihre Eröffnung war: "Beschaffungskriminalität, Prostitution und Anstieg der Drogentoten." Während zuletzt die jährliche Zahl der Drogentoten oft unter zehn lag, waren es in den 90ern zum Teil über 30. In der Innenstadt gab es damals eine offene Drogenszene samt Straßenstrich. Und Stöver ist nicht der Einzige, der an diese Zeit erinnert.
Auf Drängen von Landesregierung und Stadtverwaltung sei die Praxis damals eingerichtet worden, erklärt Hans-Jürgen Brems, damals Mitbegründer und inzwischen im Ruhestand. Die KV sei im Übrigen nicht dazu verpflichtet, diese Praxis zu führen - die Stadt könne sich als Alternative ja selbst um ihre Mannheimer Patienten kümmern.
Bei der KV in Stuttgart ist man um Sachlichkeit bemüht, die Position aber ist klar: "Wir sehen keine Notwendigkeit für einen Umzug der Praxis, zumal sie auf ausdrücklichen Wunsch der Stadtverwaltung an dieser Stelle sitzt", erklärt Sprecher Kai Sonntag. Begonnen hatte die Einrichtung in K 3, die Räume wurden aber schnell zu eng, und sie zog ins alte Gesundheitsamt in L 1. Nachdem das Land diese Räume aber wieder haben wollte, wurde 2007 der Mietvertrag für D 7 unterzeichnet. Ohnehin bleibe die Frage, so Sonntag, ob die Patienten der Praxis auch in eine weniger belebte Gegend folgen würden. Das sieht auch Peter Sayer, der Vorsitzende des Drogenvereins, so. Seine Mitarbeiter betreuen die Methadon-Patienten bei der Bewältigung ihres Alltags. "Es ist schon pikant, dass sich der Treff vor dem Rathaus gebildet hat." Aber die Praxis könne nicht in die Außenbezirke wandern. "Die muss da bleiben, wo wir auch unsere Angebote machen. Viele der Patienten kommen in unseren Kontaktladen."
Praxis-Leiterin Inge Hönekopp findet es zu einfach, dass ihre Einrichtung allein schuld sein soll an dem Treff vor dem Rathaus. "Zum einen halten sich dort auch viele Leute auf, die gar nicht bei uns behandelt werden. Und zum anderen gibt es unsere Praxis schon viel länger als diesen Treffpunkt", sagt die Ärztin.
Gleichwohl sehen die Sucht-Experten auch die Belange der Passanten. "Es müssen Maßnahmen entwickelt werden, die das friedliche Zusammenleben ermöglichen", sagt der Wissenschaftler Stöver - und stellt sich selbst als Vermittler zur Verfügung. Als ersten Schritt sieht er ein Treffen mit allen Beteiligten - auch mit denen, die sich vor dem Rathaus aufhalten. "Es ist wichtig, an die Verantwortung der Leute zu appellieren." Denkbar sei auch eine Art "Aufräumtrupp" für den "Treffpunkt", der aus diesen Leuten rekrutiert wird. "In Frankfurt und Bremen wurde das erfolgreich umgesetzt."
Quelle: Mannheimer Morgen