Wuppertal, 11.04.2008
Vier Drogentote in vier Tagen in Wuppertal und Solingen. Die Ursache: Eine Überdosis von sehr reinem Heroin. Für die Abhängigen und Mitarbeiter von Gleis 1 war der Schock besonders groß. Wir haben von der Polizei direkt Bescheid bekommen. Bei besorgniserregenden Nachrichten melden die sich immer bei uns“, sagt Klaudia Herring-Prestin, Leiterin der Drogen-Beratungsstelle.
Daraufhin wurden sofort Handzettel an die Abhängigen verteilt und ausgehängt, mit der Aufschrift: Achtung Lebensgefahr! Seid gewarnt, konsumiert nicht alleine und gleichzeitig, spritzt zunächst nur die Hälfte und wartet ab. Folienrauchen ist weniger riskant. Besonders Substituierte sind gefährdet.“
Besondere Betroffenheit herrschte bei Gleis 1, weil eines der Opfer, in der Szene gut bekannt war und schon über Jahre dort betreut wurde – offenbar ein junger Mann aus der Punker-Szene am Neumarkt-Brunnen. Als die traurige Nachricht die Runde gemacht hatte, hängten Freunde und Bekannte am Neumarkt spontan ein Plakat mit einem Foto des Opfer auf.
Nach Einschätzung von Klaudia Hering-Prestin handelt es sich bei dem Heroin mit besonders großem Reinheitsgrad um ein Versehen“ mit tragischem Ausgang: Es ist nicht im Sinne des Dealers so guten Stoff zu machen, die wollen Profit machen und deshalb möglichst strecken“, erklärt sie.
Der Stoff – offenbar handelte es sich um in Plastik eingeschweißte sogenannte Bubbles – hatte eine besonders harte steinige Konsistenz und nicht die sonst übliche eher pulverig-weiche Form.
Auch die Drogenberatungsstelle am Döppersberg hat die Warn-Zettel an ihre Klienten verteilt. Die Konsumenten sind natürlich immer latent gefährdet, weil es Lieferungen gibt, von denen man nicht weiß, wo sie herkommen“, sagt Erna Kottman, stellvertretende Leiterin der Beratungsstelle. Dort seien die Drogentoten der vergangenen Tage allerdings nicht das bestimmende Thema gewesen. Auf der Platte geht das bestimmt rum“, vermutet sie.
Das bestätigt Katja Neveling, die mit drei Kollegen als Streetworkerin im gesamten Stadtgebiet unterwegs ist und sich schwerpunktmäßig um Obdachlose kümmert. Die Betroffenheit auf der Straße sei groß gewesen, alle wussten Bescheid. Die erste Frage immer: Wer sind die Toten?
Die Befürchtung der Streetworkerin: Im Notfall ist die schlimme Nachricht schnell wieder vergessen.“ Zu groß ist die Sucht. Kein Thema sei die Herkunft des tödlichen Stoffes gewesen. Neveling: Das ist nichts, was mit Außenstehenden besprochen wird, darüber reden sie eher untereinander, weil es illegal ist.“
Gleis 1 350 bis 400 Heroin-Abhängige werden in Gleis 1 betreut, Heroin ist dort die Hauptdroge. Laut Polizei leben in Wuppertal 2000 Schwerstabhängige. Die meisten Heroin-Junkies sind männlich.
Elterninitiative Jürgen Heimchen von der Initiative für akzeptierte Drogenarbeit fordert als Reaktion auf die Drogentoten: Legale ärztliche Heroinvergabe und die Möglichkeit, Drogen auf Reinheit und auf giftige Beimischungen testen zu lassen. Heimchen: Die meisten sterben an Giftstoffen wie Talk oder Rattengift, was dem Stoff beigemischt wird.“
Quelle: Westdeutsche Zeitung