Nürnberg, 08.05.2010
Fixertreffs, Drogentote, Beschaffungskriminalität: Der zunehmende Missbrauch von Heroin, Kokain und Co. bringt allen Großstädten in Deutschland Probleme. In Nürnberg sind heuer bereits sechs Menschen durch Drogen gestorben. Eine erhebliche Verbesserung der Situation verspricht die Einrichtung von Drogen-Konsumräumen. Das wurde gestern bei einer Experten-Anhörung im Rathaus deutlich.
Über eines sind sich Fachleute heute einig: Wer harte Drogen nehmen will (oder qua Abhängigkeit muss), der lässt sich davon weder durch Gesetze noch von der Polizei abhalten. Der Konsum im öffentlichen Raum potenziert aber die Risiken, unterstrich Prof. Heino Stöver von der Fachhochschule Frankfurt. Die Entdeckungsgefahr verleitet Konsumenten dazu, den Stoff schnell zu spritzen - und erhöht damit das Risiko tödlicher Überdosierungen deutlich. Dazu kommt die Infektionsgefahr - vom HIV-Virus bis zu Hepatitis C. Bei Drogen-Konsumräumen geht es also »um Schadensbegrenzung, nicht mehr und nicht weniger«, so der Suchtbeauftragte der Stadt Nürnberg, Georg Hopfengärtner.
Und dieser Weg der Schadensbegrenzung ist effektiv, wie das Beispiel Frankfurt zeigt. Im Bahnhofsumfeld, das seit jeher als Junkie-Meile berüchtigt ist, sind in den vergangenen zehn Jahren gleich vier Drogen-Konsumräume entstanden. Dort können Abhängige in Ruhe mitgebrachten Stoff spritzen. Aber sie finden auch zahlreiche Angebote, die langfristig den Ausstieg aus der Droge unterstützen können: Notschlafstellen und Freizeitaktivitäten, Rechtsberatung, Wohnungsvermittlung, Reha-Maßnahmen und anderes mehr. Ziel ist es, »dass die Leute überleben und ihr Leben etwas gestalten können«, berichtete Jürgen Klee, Leiter der Einrichtung »La Strada« in Frankfurt. Damit werde der Samen für die Idee gelegt, das eigene Leben zu verändern.
Das wirkt sich unmittelbar auf das Umfeld aus. Im Frankfurter Bahnhofsbereich hat sich »das Drogenelend deutlich vermindert«, so Prof. Stöver, auch der Handel mit Rauschmitteln sei deutlich zurückgegangen. Es gebe »keine Hinweise« darauf, dass die Drogen-Konsumräume zusätzliche Konsumenten hervorgebracht hätten. Gleichzeitig leisteten sie »einen erheblichen Beitrag zur Reduzierung des öffentlichen Drogenkonsums«. Das nehmen auch die Bürger wahr. Vor zehn Jahren noch bezeichneten bei einer Umfrage rund 20 Prozent Drogenkonsum als großes Problem, so Stöver. Heute seien es noch zwei Prozent der Befragten.
Die Frankfurter Polizei bestätigt dies. Im Jahr 2004 wurde dort in der Polizeidirektion Mitte ein spezielles Projekt auf den Weg gebracht. Sechs »handverlesene« Beamte betreuen die Drogen-Konsumräume und deren Umfeld rund um die Uhr, berichtete Dienststellen-Leiter Thorsten Christ. Seitdem sei die Umfeld-Kriminalität deutlich gesunken. Die Beschaffungskriminalität - also Überfälle, Einbrüche, Diebstähle etc. mit deren Hilfe später Drogen bezahlt werden - sei in ganz Frankfurt zurückgegangen. Selbst die Zahl der Drogentoten sank von 230 auf zuletzt 147 im Jahr, so Hauptkommissar Christ.
Den signifikanten Rückgang der Todesopfer führen Fachleute unmittelbar auf die Drogen-Konsumräume zurück. Die bislang 26 Einrichtungen im Bundesgebiet (in sechs Bundesländern) haben sich kürzlich zu einem Arbeitskreis zusammengeschlossen, so Jürgen Klee. Nach deren gemeinsamer Statistik kam es innerhalb von sechs Monaten zu 280 ernsthaften Notfällen. Auf der Straße wären diese Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit verstorben, zeigte sich der Frankfurter »La Strada«-Leiter überzeugt, der seit 20 Jahren im Drogenbereich arbeitet.
Tatsächlich kam es seit der Legalisierung von Konsumräumen vor zehn Jahren zu keinem einzigen Todesfall in einer solchen Einrichtung, unterstrich FH-Professor Stöver - bei gut vier Millionen Besuchen. Innerhalb von fünf Jahren wurden aber rund 5000 Notfälle registriert.
Dass Konsumräume auch in Bayern intensiv gefragt wären, zeigen zwei Studien von 2008 bzw. 2009. Rund 80 Prozent der befragten Drogenkonsumenten würden solche Einrichtungen nutzen - und dabei auch auf Beratungsangebote sowie medizinische Versorgung Wert legen, berichteten Klaus Thieme (Mudra, Nürnberg) und Thomas Krahe (Condrobs, München). Ruhe vor der Polizei beim Konsum, hygienische Bedingungen und Soforthilfe bei Überdosierungen seien als Hauptmotive genannt worden.
Zumindest in den Ballungsräumen München, Nürnberg und Augsburg wären Konsumräume dringend notwendig, so das Fazit. Doch die Staatsregierung hat sich bislang nicht dazu durchgerungen, die rechtlichen Voraussetzungen zu schaffen.
Quelle: Nürnberger Zeitung