Pubdate: 21. 07. 2005
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Hilfe für Junkies - eine Frage des Überlebens
In mehreren Städten NRWs finden am heutigen "Nationalen Gedenktag für die verstorbenen Drogenabhängigen" Kundgebungen und Mahnwachen statt. Die Zahl der Drogentoten sinkt, aber inhaftierte Junkies bleiben gefährdet
Köln taz Die Zahl der Drogentoten in NRW ist im letzten Jahr weiter gesunken. Die Jahresstatistik 2004 erreichte mit 324 Toten den tiefsten Stand seit 1990. Im ersten Quartal 2005 sank die Zahl auf 64 gegenüber 72 im Vorjahreszeitraum. Soweit die offiziellen Zahlen. Junkies sterben allerdings nicht nur an einer Überdosis, sondern auch an Suchtfolgeerkrankungen wie Leberzirrhose, Sepsis und Herzerkrankungen. Um auf die überlebensnotwendigen Hilfen für Drogenabhängige hinzuweisen, wird heute im Beisein von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) in Wuppertal der "Nationale Gedenktag für die verstorbenen Drogenabhängigen" begangen. Auch in Düsseldorf, Essen, Köln und Dortmund finden Mahnwachen, Kundgebungen, Gottesdienste und Informationsveranstaltungen statt. Der bundesweite Gedenktag wird zum 8. Mal begangen. Ins Leben gerufen wurde er 1998 vom Verband der Eltern und Angehörigen drogenabhängiger Kinder.
Die rückläufige Zahl der Todesopfer - auch bundesweit ist die Tendenz fallend: von 1.477 Drogentoten 2003 auf 1.385 im Jahre 2004 - ist nach Meinung von Experten keineswegs die unmittelbare Folge eines geringeren Verbrauchs harter Drogen. Vielmehr habe sich das Konsumverhalten gewandelt. Mathias Häde, Vorstandsmitglied im NRW-Landesverband von "Junkies, Ehemalige und Substituierte" (JES) führt den Rückgang vor allem auf die inzwischen recht schwache Konzentration des Heroins zurück. "In der Szene findet man heute selten Konzentrationen von über 6 bis 7 Prozent. Früher gab es durchaus 30 bis 40 prozentiges Heroin." Für einen "goldenen Schuss" müssten die Konsumenten schon "große Scheine" auf den Tisch legen.
Jugendliche tendierten heute eher zu so genannten Designerdrogen wie Ecstasy oder LSD. Zugenommen hat auch die Zahl der "Koks-Freaks", wie Häde sie nennt. "Viele mischen Koks mit Heroin, um das ungute Gefühl nach dem Kokskonsum durch Heroin zu vermeiden. Außerdem reicht vielen die Wirkung des Straßenheroins nicht mehr aus."
Ein besonderes Anliegen ist dem Verein JES, der zu den Themen Drogengebrauch, Aids und Hepatitis Beratung anbietet und Entgiftungsplätze vermittelt, am diesjährigen Gedenktag die Gesundheitsvorsorge für die zahlreichen Drogengebraucher, die sich wegen Beschaffungsdelikten und/oder Kleinsthandel in Haft befinden. "Durch mangelnde Präventionsmaßnahmen in den Gefängnissen bleibt es dem Zufall überlassen, ob Drogengebraucher sich mit lebensbedrohlichen Viren wie HIV und Hepatitis C infizieren oder nicht", so Häde. "Durch eine Spritzen- und Kondomabgabe könnten entsprechende Risiken weitgehend vermindert werden." Eine Bereitstellung von Spritzen habe nur mal in einer Frauenhaftanstalt in Hamburg stattgefunden. Aber auch dort sei die Spritzenvergabe 2002 eingestellt worden.
JES NRW wird derzeit vom Land finanziert. Fragt sich nur, ob sich daran aufgrund des Regierungswechsels etwas ändern wird. "Da muss man sich überraschen lassen", meint Häde. "Die ersten Signale deuten aber darauf hin, dass CDU und FDP in unserem Bereich nicht kürzen wollen." CORNELIA LAUFER
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taz NRW Nr. 7721 vom 21.7.2005, Seite 1, 107 Zeilen (TAZ-Bericht), CORNELIA LAUFER
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Pubdate: 22.07.05
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Gemeinsames Gedenken
Zum achten Mal fand gestern der bundesweite Gedenktag für diejenigen statt, die in den letzten Jahren an Drogen gestorben sind. Rund 100 Organisationen hatten in 40 Städten dazu aufgerufen. In Kassel trafen sich zahlreiche Menschen bei der Drogenhilfe in der Schillerstraße 2. Dort hatte die Junkies-Ehemalige-Substituierte-Gruppe (JES) Kassel eine Gedenktafel anbringen lassen. Gemeinsam weihten Silvia Köster, Winfried Gleisner und Ralf Mengner (unser Foto, von links) diese Tafel gestern ein und gedachten damit der Verstorbenen. Nun soll die Tafel Passanten daran erinnern, welche Gefahr von Drogen ausgeht. (PKE)
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Pubdate: 23.07.05
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Weiße Rosen erinnern an Drogentote
fube. Zum bundesweiten "Nationalen Gedenktag für verstorbene Drogenabhängige" wurden gestern in der Innenstadt weiße Rosen verteilt. Zudem mahnte ein Rosenfeld mit den Namen der verstorbenen Mainzer Drogenabhängigen. An dem Aktionstag beteiligten sich das Drogenhilfezenrum Café Balance, eine Einrichtung des Fachbereichs Suchthilfe der Stadt Mainz, und der Elternkreis für Drogengefährdete und Drogenabhängige. Anliegen war, der in der Statistik anonymisierten Drogentoten zu gedenken und augenfällig zu machen, dass es sich dabei jeweils um konkrete Einzelschicksale handelt. Die Zahl der verstorbenen Drogenabhängigen sei in den vergangenen Jahren kontinuierlich zurückgegangen.
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Pubdate: 23.07.05
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Junkies blieben ziemlich alleine
Von TIM ATTENBERGER
32 Drogentote im vorigen Jahr. In diesem Jahr sind es schon 23!, beklagte
Bernd Lemke, Geschäftsführer des Junkie Bundes Köln, gestern bei einem
Fest auf dem Rudolfplatz, zu dem sein Verein eingeladen hatte. Nach Jahren
mit rückläufigen Zahlen hält er in 2005 einen Anstieg für sehr
wahrscheinlich. Anlass bot der achte Bundesweite Gedenktag für verstorbene
Drogengebraucher. Von der Stadt, so Lemke, habe sich den ganzen Tag über
niemand blicken lassen. Dabei wollte er die seit Jahren erhobene Forderung
nach einem zweiten Konsumraum erneuern. Bislang gebe es nur einen Raum im
Hauptbahnhof, in dem Schwerstsüchtige sterile Spritzen erhalten und Drogen
konsumieren können.
Stattdessen fand Lemke das Gespräch mit Kölner Bürgern. Es gab Faltblätter
und ein kostenloses Konzert. Eine Klagemauer mit den Namen verstorbener
Süchtiger stimmte nachdenklich. Der Gedenktag stand unter der
Schirmherrschaft von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt. Ziel war
nicht nur die Erinnerung an die durch Drogenmissbrauch Verstorbenen, sondern
vor allem ein Appell zur größeren Unterstützung an Öffentlichkeit und
Politik.
Bernd Lemke betont ausdrücklich die gute Zusammenarbeit mit der
Drogenkoordination der Stadt Köln. Dennoch würden drogenabhängige Menschen
vielerorts ausgegrenzt und durch Einsatz der Polizei von öffentlichen
Plätzen vertrieben. Gründe für das von ihm erwartete neuerliche Ansteigen
der Zahl von Drogentoten sieht er vor allem darin, dass es zu wenig
Betreuungsstellen und Unterstützung von Seiten der Stadt gebe. Der Junkie
Bund Köln engagiere sich selbst mit einem Beschäftigungsprogramm für
arbeitslose Abhängige, benötige aber Hilfe durch die Agentur für Arbeit.
(KR)
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Pubdate: 23.07.05
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Gedenktag für Opfer der Drogen
Bonn - Auf den Stufen zum Bonner Loch stehen Holzrahmen, zeigen Fotos wie
das von Alexander, der auf einer Campingdecke im Grünen sitzt. Ein
trauriger Fall. Durch seine HIV Erkrankung entwickelte er vor seinem Tod
eine Demenz, erinnert sich Heidi Friemann, Psychologin bei der
AIDS-Initiative Bonn. In einem - ebenfalls gerahmten - Brief bittet Stefan
die Psychologin, immer für ihn mit zu lächeln, sollte ich sterben und dich
für eine Weile hier lassen. Mit 29 spritzte er sich eine Überdosis Heroin.
Friemann stand bei Stefans Beerdigung allein am Sarg.
Am 8. Nationalen Gedenktag für verstorbene DrogengebraucherInnen haben
AIDS-Initiative Bonn (AIB) und Junkies, Ehemalige, Substituierte (JES) ein
Mahnmal für Alexander, Stefan und andere Drogentote aufgestellt. Der
Gedenktag steht in diesem Jahr unter der Schirmherrschaft von
Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt. Die verstorbenen Junkies (2005 hat
die Polizei bislang sechs Bonner Drogentote verzeichnet) sind für uns keine
toten Toten, sagt Christa Skomorowsky aus dem JES-Landesvorstand. Wir
sehen sie vielmehr als Opfer einer inhumanen Drogenpolitik. Und verknüpfen
unsere Trauer mit der Forderung nach Liberalisierung.
Derselben Meinung ist der Bremer Kriminologe und Soziologe Henning
Schmidt-Semisch: Die Illegalität der Drogen schafft Kriminalität und macht
Konsumenten krank durch schlechte Qualität der Substanzen und mangelnde
Hygiene. AIB, JES und Schmidt-Semisch teilen den Wunsch, dass Heroin eines
Tages als Arzneimittel anerkannt wird und Ärzte es ähnlich wie Methadon
verschreiben. Wie unpopulär ihr Ziel ist, wissen sie. Auch, dass allein das
Wort Heroin bei vielen Menschen ein ganzes Bündel negativer Assoziationen
auslöst. Immerhin hat sich etwas getan. Ich hätte vor zehn Jahren nicht
gedacht, dass wir in Bonn und in sechs weiteren deutschen Städten eine
Heroin-Studie haben werden, sagt Skomorowsky. (kis)
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Pubdate: 23.07.05
Source: Neue Osnabrücker Zeitung
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Rote Aids-Schleife erinnerte an Drogentote
Lingen (bm/MB)
Eine große, rote Aidsschleife mit vielen Grablichtern mitten auf dem Lingener Marktplatz war am späten Donnerstagnachmittag sichtbares Zeichen für eine Veranstaltung der Aids-Hilfe Emsland sowie der Fachambulanz Sucht Emsland, Diakonisches Werk: Der nationale Gedenktag für verstorbene Drogenabhängige.
Kleine Namenskärtchen mit den Vornamen und dem Todesjahr junger Emsländer seit 1991 wurden seitens der Mitglieder der Aids-Hilfe und Diakonie an eine Pyramide gesteckt, die unmittelbar vor einem Zelt stand, in dem neugierig gewordene Passanten über den Hintergrund der bundesweit begangenen Aktion aufgeklärt wurden.
So klärte man seitens der Diakonie darüber auf, dass in Deutschland rund 125000 Menschen abhängig von illegalen Drogen seien. Um aus dieser Abhängigkeit ausbrechen zu können, biete die Diakonie unter anderem eine Vermittlung in ambulante und stationäre Behandlungseinrichtungen sowie die Klärung der Kostenübernahme an.
Für die Aids-Hilfe machte Heiner Rehnen deutlich, dass man über die Heroinvergabe als Regelversorgung integrieren und über das eigentlich Undenkbare, eine Legalisierung bislang "illegalisierter Substanzen", nachdenken sollte.
So könnte zum Beispiel die kontrollierte Abgabe von Heroin zur Behandlung zu einem Rückgang der Strafanfäligkeit von Drogenabhängigen führen, wie ein Besipiel in den Niederlanden beweise.
Eine schrittweise und beobachtete Legalisierung von illegalen Drogen würde unter anderem nicht nur den Schwarzmarkt austrocknen, sondern auch Beschaffungsdelikte reduzieren und die gesundheitlichen Risiken durch eine Produktüberwachung verringern.
In Lingen gab es von 2001 bis 2004 insgesamt 26 Drogentote.
Der bundesweite Gedenktag für verstorbene Drogenabhängige wurde auch in Lingen mit einer würdigen Andacht gefeiert, der der beiden Gefängnisgeistlichen Pfarrer Otto Rüter und Pastor Thomas Gotthilf auf dem Anonymenfeld des neuen Friedhofes beiwohnten.
"Der Gedenktag hat keinen Sitz im Leben", meinte Pfarrer Otto Rüter mit einem Blick auf die nur etwa 20 Teilnehmer, die sich auf Einladung der AIDS-Hilfe Emsland und der Fachambulanz Sucht Emsland des Diakonischen Werkes auf dem Neuen Friedhof versammelt hatten.
Mitarbeiter der AIDS-Hilfe Emsland hatten Rosen und Grabkerzen für die Verstorbenen mitgebracht, die in der Mitte des Kreises abgelegt wurden, den die Teilnehmer gebildet hatten.
Pastor Thomas Gotthilf betonte, dass man die Kranken im Leben begleitet habe, aber ihre Krankheit nicht aufhalten konnte.
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Pubdate: 23.07.05
Source: Leipziger Volkszeitung
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Kreuze erinnern an 28 Opfer
28 meterhohe schwarze Holzkreuze. Aufgerichtet am Augustusplatz, Ecke Grimmaischen Straße, forderten sie gestern zum Ein- und Innehalten auf. Ein jedes erinnerte an ein Mädchen oder einen Jungen, an eine Frau oder einen Mann, die oder der seit 2000 in Leipzig an einer Vergiftung durch illegale Drogen gestorben sind. Der Jüngste mit 15, der Älteste mit 39.
Mit der Aktion, die zugleich verbunden war mit viel Aufklärung über das in Leipzig angebotene Hilfsnetz für Menschen mit Suchtproblemen, beteiligte sich die Stadt erstmals am nationalen Gedenktag für verstorbene Drogenabhängige. Dieser 21. Juli wird in Deutschland seit acht Jahren begangen und geht auf die Initiative mehrerer Selbsthilfegruppen zurück.
Gestern dabei besonders bewegend: Der Moment, als sich punkt 16 Uhr und mitten im strömenden Regen Mitarbeiter des hiesigen Jugendamtes, der Suchtberatungs- und Behandlungsstellen sowie weiterer Einrichtungen für eine Schweigeminute zwischen den Kreuzen aufstellten. Auch Eltern der Toten waren anwesend. "Wir wurden gefragt, ob wir kommen - und es ist für uns in der Tat auch wichtig, hier zu sein. Es ist gut, dass sowas ins Leben gerufen wurde. Auch, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Denn 28 Tote in fünf Jahren - ist das nicht sehr viel?", so ein Ehepaar mittleren Alters, das sich zur Schweigeminute durch die Menschenansammlung zu einem der Kreuze drängte und dort Blumen niederlegte. "Weiblich - 19 Jahre" stand darauf. Es war die Tochter. Indes hatten nicht alle Verwandten den Weg zu dieser Gedenkveranstaltung gefunden. Von manchen hieß es auch, sie seien prominent und fürchteten, erkannt zu werden.
In Leipzig leben derzeit etwa 1200 von illegalen Drogen abhängige Menschen aus allen sozialen Schichten. "Jedenfalls sind es die, die im Vorjahr in unseren Anlauf- und Beratungsstellen registriert worden sind. Die Dunkelziffer dürfte etwa doppelt so hoch sein", so gestern Lutz Wiederanders, Sachgebietsleiter Straßensozialarbeit. "Wir müssen öffentlich immer wieder für das Problem sensibilisieren."
Angelika Raulien
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Pubdate: 23.07.05
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Spritzenstube Wohngebiet
Chill Out: Mehr Drogenabhängige, wenig Maßnahmen
Potsdam soll eine Analyse der Drogenproblematik in der Stadt durchführen. Vor allem zur Droge Heroin gebe es keine statistisch erfassten Größen, kritisierte gestern Frank Prinz-Schubert. Der Sozialarbeiter und Suchtexperte vom Chill Out e.V. verwies am gestrigen bundesweiten Gedenktag für verstorbene DrogengebraucherInnen darauf, dass es ohne Zahlen natürlich auch keinen Bedarf gibt. Das Thema werde von der Stadtverwaltung nicht mit der angebrachten Ernsthaftigkeit behandelt. Jährlich sterben fünf bis sieben Brandenburger an einer Überdosis, deutschlandweit gab es 2004 1385 Drogentote.
Laut Prinz-Schubert stamme der letzte städtische Lagebericht aus dem Jahr 2001, der jedoch nicht die Droge Heroin enthielt die Schlüsseldroge, deren Anzahl an Konsumenten in Potsdam auf eine kleine dreistellige Zahl geschätzt wird. Vor allem in den Wohngebieten steige die Anzahl der Heroin-Abhängigen. Kleine Netzwerke entstehen, so Suchtberater Prinz-Schubert. Potsdam profitiere aber von der Nähe zu Berlin. Dort würden sich die Abhängigen hinwenden, um sich zu versorgen oder von in Potsdam nicht mehr existierenden Drogennotdiensten helfen zu lassen.
Vor anderthalb Jahren kürzte die Stadt die Mittel für die Drogenberatung und Präventionsarbeit, auch die Mittel für den Chill Out e.V. wurden geringer: Seitdem haben wir den Kontakt in die Szene verloren, sagte Prinz-Schubert. Bei der jetzigen Beratungsstelle der Arbeiterwohlfahrt gebe es erhebliche Wartezeiten. Für Suchtkranke sei ein Monat eine Ewigkeit, das könne sogar tödlich sein.
Die Politik spiele in diesem Zusammenhang eine wesentliche Rolle. Prinz-Schubert führte an, dass die Zahl der Drogentoten in Deutschland durch eine leicht liberalisierte Drogenpolitik seit fünf Jahren stetig gesunken ist. Nun fürchtet er bei einem Regierungswechsel Sofortmaßnahmen der CDU. Doch nicht nur bundesweit wünscht er sich mehr Aufmerksamkeit für die Problematik. Auch von Bündnis 90/Die Grünen und einem Teil der SPD in Potsdam, deren bundespolitischen Mitstreiter sich seit Jahren für eine Liberalisierung des Systems einsetzten, würde in der Stadt zu wenig oder nichts gegen das Problem unternommen. Wenn wir über die Legalisierung der Drogen sprechen, gucken die Grünen uns an, als kämen wir von einem anderen Planeten, so Prinz-Schubert.
Am gestrigen Gedenktag ging er deshalb gemeinsam mit Vertretern der Aids- Hilfe Potsdam und der Fraktion Die Andere in die Öffentlichkeit und sammelte Unterschriften für eine kontrollierte Heroin-Abgabe an Abhängige sowie die Legalisierung von Drogen. Vor allem letzteres würde die Abhängigen aus der Kriminalitätsstatistik bringen und Dealerringe sprengen. Erstmals fand die Aktion in diesem Rahmen in Potsdam statt. Die gesammelten Unterschriften sollen nun an den Bundesverband der Eltern und Angehörigen für akzeptierende Drogenarbeit e.V. in Wuppertal und später an die Bundesregierung übergeben werden.J. Brunzlow
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Source: Westdeutsche Allgemeine Zeitung
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"Keine einfache Lösung"
21.07.2005
Gegen die Legalisierung von Cannabis spricht sich Ingo Michels vom Büro der Bundesdrogenbeauftragten Marion Caspers-Merk aus. "Die immer grösser werdende Anzahl von jugendlichen Konsumenten erfordert andere Massnahmen." Aufklärung, Diskussion über das Internet.
"Eine Legalisierung von Cannabis ist in Deutschland auch in Zukunft nicht angedacht." Und ein Dialog könne auch ohne diese geführt werden. "Das findet übers Internet auch schon rege statt."
Auch die kontrollierte Abgabe von Heroin und Kokain kann sich Ingo Michels nur unter bestimmten Umständen vorstellen. "Zurzeit läuft ja schon ein Modellversuch, bei dem so ein Verfahren getestet wird." Zunächst müsse man aber die Ergebnisse abwarten, "wenn diese positiv ausfallen, muss man das Problem noch mal neu überdenken. Klar ist aber, dass auch im Falle der kontrollierten Abgabe nur bestimmte Gruppen bedacht werden."
Handlungsbedarf sieht Ingo Michels bei der Prävention. "Hier versuchen wir, grösstmögliche Unterstützung zu geben." Die Frage der Beschaffungskriminalität sieht er nicht im Vordergrund. "Klar ist, dass man die Abhängigen nicht allein lassen darf. Es gibt keine einfache Lösung für Kokain und Heroin."
"Es mangelt am Gespräch"
Für Substitution (das Ersetzen von Heroin durch etwa Methadon in der Drogentherapie) und die Legalisierung von Cannabis und Heroin spricht sich Jürgen Heimchen, Vorsitzender des Bundesverbandes der Eltern und Angehörigen für akzeptierende Drogenarbeit aus: "Die Ursache dafür, dass so viele junge Leute an Drogen sterben, ist ja nicht die Droge selbst. Es ist die Art, wie sie beschafft werden muss." Heimchens Modell: "Heroin soll regulär über den Arzt und die Apotheke abgegeben werden können. Es geht darum, den Prozess zu entkriminalisieren." Alkohol und Nikotin würden seit Jahren ohne Kontrollen abgegeben. "Das finde ich nicht richtig, dass sich jeder seine Schachtel Zigaretten am Automaten ziehen kann."
Cannabis soll kontrolliert, in Coffee-Shops unter Beratung an die Konsumenten ausgegeben werden. "Sinnvolle Altersgrenze wäre 16 Jahre." Heimchen sieht vor allem einen Mangel an Gesprächen. "Um unseren Kindern helfen zu können, müssen wir sie erst mal dazu kriegen, mit uns zu reden. Glauben Sie, irgendein Jugendlicher erzählt seinen Eltern oder Lehrern, dass er Drogen konsumiert, solange diese illegal sind?"